Ein „Nahversorger“ für Kunstinteressierte

OÖN Textarchiv 15.12.2011

Maler Lukas Johannes Aigner vor zwei seiner großformatigen Acryl-Bilder im neuen Kulturverein „Kunstversorger“. Bild: win

Der Linzer Maler Lukas Johannes Aigner (37), Spross der Künstlerfamilie des 2005 verstorbenen Malers und Grafikers Fritz Aigner, macht mit einem neuen Projekt auf sich aufmerksam: Er will in der Waltherstraße 7/9 auf mehr als 200 Quadratmetern Schaufläche mit dem Kulturverein „Kunstversorger“ einen Treffpunkt für Kunstinteressierte etablieren.

 

 

„Es soll ein Ort für Diskussionen, Ausstellungen, Lesungen und Feste werden, an dem das künstlerische Leben im Zentrum von Linz gefördert wird“, erklärt Aigner, der sich damit seiner Wurzeln besinnt: Er ist an der Waltherstraße aufgewachsen. „Der Verein wird eigentlich erst im Jänner gegründet“, sagt Aigner, „aber ich zeige hier bereits seit 29. November erstmals mein Gesamtwerk.“ Die vor allem großformatigen Werke berühren mit ihren meist subtilen Botschaften, im Mittelpunkt stehen Menschen und Blumen.

Geöffnet hat der Kunstversorger vorerst Dienstag und Donnerstag ab 18.30 Uhr. Und diesen Sonntag ab 17 Uhr trifft man sich beim Kunstversorger unter dem Motto „Die Kunst isst uns nicht Wurscht“ zum Bratwürstelessen.

Hannes Etzlstorfer

 

Die Kunst trägt neue Blüten-Die Bilderwelt des Malers Lukas Johannes Aigner

 

Vom Ursprung zur Gegenwart


In Lukas Johannes Aigner begegnen wir einem künstlerischen Ausnahmetalent, das in den jüngst entstandenen Arbeiten zu einer singulären Bild­sprache gefunden hat. Er vermochte sich erfolg­reich vom prägenden Vater, dem Linzer Maler und Grafiker Fritz Aigner (1930–2005), zu emanzipieren, ohne die künstlerischen Andockmöglichkeiten au­ßer Acht zu lassen. Den Vater verband seinerseits eine große Liebe zu seinen Kindern, die im Kindes­alter nicht nur Zaungäste seiner Kunst sein wollten, sondern auch den Vater und Spielkameraden ein­forderten, wie sich Fritz Aigner erinnert: „Ich werde die Helga absichern und die Buben, die immer lus­tiger werden. Sie besuchen mich jedes Wochenen­de. Letzten Samstag habe ich meinen Ohren nicht getraut: Im Gleichschritt, hintereinander mit vollen Kommandos vom Ältesten, dem Matthias, sind sie vor meinem Atelier aufmarschiert, um mich zu we­cken und mich zum Schwimmen abzuholen. – Von mir haben sie das nicht! Es ist schön für mich, die Welt meiner Kinder mitleben zu dürfen und de­ren unbedingte Zuneigung und Liebe zu spüren.“ Rasch entwuchsen seine drei Söhne Paul Florian, Matthias Claudius und Lukas Johannes der Zaun­gastrolle und traten bald selbst in die künstleri­schen Fußstapfen ihres Vaters, der sie keineswegs in eine Künstlerlaufbahn drängte: „Es ist seltsam (...), ich habe die Buben nie ins Künstlerische ge­trieben (...) der Hannes geht noch zur Schule, und (...) der schiebt im Künstlerischen an und ich glau­be, ich zeige ihm das Malen. So ist es – sie sterben nicht aus die Maler, auf alle Fälle haben die Buben damit Vorteile im Leben – und Spaß! Was aber mir so seltsam ist, dass die Buben, nur neben mir und meinen Bildern lebend, von meinem Werk so be­einflusst worden sind und dass sich das nun so plötzlich zeigt!“

Bei Lukas Johannes Aigner liegen diese Anknüpfungspunkte zum unverwechselba­ren Personalstil seines Vaters allerdings weniger in der maltechnischen Affinität. Der Sohn hat sich als Schüler von Prof. Wolfgang Herzig von der altmeisterlichen Feinmalerei seines Vaters gelöst und zu einer zusammenfassenden, auf malerische Wirkungen bedachten Pinselduktus gefunden. Das auf subtile Farbvaleurs abgestimmte Kolo­rit entzieht sich zudem jeglicher grellen Buntheit. Dadurch erzielt der Künstler in vielen seiner Ge­mälde eine Narration, die zuweilen zwischen Ge­heimnishaftem, Kontemplation, Transzendenz und Feierlichkeit auf der einen Seite, zwischen bedroh­lichem Notturno, Entgrenzung, Kontrollverlust und Scheitern auf der anderen Seite angesiedelt ist. In der Thematisierung dionysischer und traumhaf­ter Zustände, in der symbolhaften Überhöhung des Ichs wie auch im Spiel mit dem Dinglichen, der Auseinandersetzung mit dem Stilllebenhaften, wirkt die Bilderwelt des ehemaligen Wunderkindes und der später vielbestaunten Malmaschine Fritz Aigner nach. Diese in reicher Fülle sich bietenden Referenzen auf das umfangreiche Oeuvre seines Vaters nützt Lukas Johannes Aigner jedoch mehr als Reibebäume, an denen er sein eigenes Oeuvre abzuarbeiten scheint, denn als Vorlage. Über die­sen Weg konnte er schließlich zu jenen genuinen inhaltlichen und formalen Lösungen finden, von denen hier einige Arbeiten eingehender gewürdigt werden sollen.

Die Menschen im Kollektiv, der Betrachter als Zentrum des Geschehens, so male ich einen Moment der Stille und schaffe einen Raum, eine Versammlung, in die man eingebunden ist, denn sie wartet auf eine Die Menschen im Kollektiv, der Betrachter als Zentrum des Geschehens, so male ich einen Moment der Stille und schaffe einen Raum, eine Versammlung, in die man eingebunden ist, denn sie wartet auf eine Entscheidung.

The Great Meeting – oder das Schweigen der Masse und der Störenfried

Aus der aktuellen Werkgruppe tritt das 2008 ent­standene Großformat „The Great Meeting“ (140 x 190 cm) wohl als eine der reifsten Leistungen des Malers Lukas Johannes Aigner heraus – sowohl in der inhaltlichen Verdichtung und Aktualisierung der Gruppenbildnistraditionen, als auch in den forma­len Details. Das gefährliche Schweigen der Mas­se, das als Grundtenor die prekäre Situation dieser scheinbar hastig einberufenen Massenversamm­lung charakterisiert, ruft in beklemmender Weise Stefan Zweigs Beobachtung in Erinnerung, dass ein Hass, der zu schweigen versteht, noch gefähr­licher sei als die wildeste Rede. Aigner entscheidet sich für ein Breitformat, um so dem Massenphäno­men genügend Ausbreitungsmöglichkeit zu bieten. Aigner wahrt in seinem Gruppenbildnis den tradier­ten Wiedergabemodus: Er porträtiert eine große Anzahl inhaltlich verbundener, handlungs- oder zu­mindest haltungsmäßig aufeinander bezogener Ak­teure, die Aigner in einem düster bedrohlichen Am­biente zusammentreffen lässt. Kahle und zugleich schmutzig wirkende Wände in diffusem Blaugrau bilden die düstere Raumfolie zum Geschehen. Nur im Vordergrund sind auch Tische aufgestellt, deren helle Tischplatten mit den dunklen Silhou­etten der Männergestalten gespenstisch kontras­tieren. Obgleich jeder seine eigene Pose gewählt hat, fügen sich alle miteinander zum Gruppenbild. Dieses entspricht im Grunde einem Sitzungsbild, wobei die Grenzen klar gezogen sind: Hier der Agitator bzw. Störenfried, dessen Position Aigner aus dem Bild herausrückt und dem Bildbetrachter aufzwingt, dort die zuhörende, bedrohlich-schwei­gende Masse.

Bedrohlich im Sinne von Christopher Darlington Morleys (1890–1957) Erkenntnis: „Man hat einen Menschen noch lange nicht überzeugt, wenn man ihn zum Schweigen gebracht hat.“ Denn die aus den finsteren Augenhöhlen starr auf den Bildbetrachter fokussierten Blicke erklären diesen zum momentanen Zentrum der Aufmerksamkeit, von dessen Auftreten bzw. Aussage viel auf dem Spiel zu stehen scheint. Stehen Massenentlas­sungen, Streiks oder sonstige bedrohliche Hiobs­botschaften sowie Verunsicherungen unmittelbar bevor? Diese Vermutung legt die Bandbreite der Empfindungen im politisch-agitatorisch aufgelade­nen Auditorium nahe, die von Skepsis, Ablehnung, Verständnislosigkeit bis hin zur Aggression reicht. Wie eine geschickte Pointe mutet es an, wenn uns der Maler den ursprünglichen Bezugspunkt dieser, in einer unentrinnbaren Hermetik angesiedelten, Versammlung gleichsam im Abseits präsentiert: Es dürfte dies vielmehr jener Mann sein, der als Einziger stehend am Podium im Hintergrund links gegeben ist.

The Great Meeting Nr.2

Damit wird dieses Gruppenbildnis auch zu einer aktuellen Parabel vom Künstlertum: Es muss sich heute mehr denn je seine Rolle als Störenfried einer hedonistischen Gesellschaft, als ungebetener Gast an den Schaltstellen der Macht und als Ombudsmann für geknechtete, unbeugsaundefinedme Kunst erkämpfen. Zugleich bringt dieses Geundefinedmälde auch jene Skepsis gegenüber Schreibtisch- und Konferenztätern zum Ausdruck, wie sie selbst bereits Konfuzius artikulierte: „Die den ganzen Tag mit anderen zusammenhocken, verantwortungslos reden und Dummheiten aushecken – mit solchen Leuten hat man’s schwer.“ Die ikonografischen Wurzeln einer solchen Auffassung sind vor allem in den profanen Gruppendarstellungen des 19. Jahrundefinedhunderts (auch in der Graphik) zu suchen, in denen aufkeimende Konflikte der Arbeiterwelt wie Streiks, Demonstrationen und die verschiedensten anderen Motive der Menschenansammlung zu Massenszeundefinednen verdichtet wurden. Darin sind die Erinnerungen an die Wiederbelebungsversuche des bürgerlichen Gruppenbildnisses nach 1850 endgültig ausgeundefinedlöscht und dem bourgeoisen Repräsentationswillen eine Absage erteilt worden. Aigner laviert in seiner Komposition zwischen den zeitlichen Grenzen, was vor allem in den modischen Details (Stehkrägen, sog. Vatermörder etc.) evident wird, die bis in die Zwischenkriegszeit üblich waren und sich in die Monotonie der Anzug-Krawatten-Modelandschaft gleichsam eingenistet haben. Dies gilt auch für die zwei offensichtlich weiblichen Gestalten im Mittelundefinedgrund, die vor allem durch ihre Kopfbedeckung (Hüte) als solche ausnehmbar werden. Aigner weiß den Akzent auf die Gestaltung der Einzelpersönundefinedlichkeit zu legen, ohne jedoch die Visualisierung der kollektiven Beziehungen auszublenden. In der Durchmodellierung des Porträthaften bezieht sich Lukas Johannes Aigner auf seinen Lehrer Wolfgang Herzig und dessen Reduktion des Figurativen auf das Wesenhafte (bis hin zur Karikierung der darundefinedgestellten Charaktere). In der Auseinandersetzung mit dem Massenphänomen scheint auch Florentina Pakosta oder auch Renato Guttuso Anregungen geliefert zu haben, ohne jedoch ihre grafisierende Schärfe bzw. ihren kritischen Realismus vollinhaltundefinedlich zu übernehmen.

Detail

Einen noch viel tiefergehenundefinedden Eindruck dürften hingegen die Bildnisse des Briten Francis Bacon hinterlassen haben, der einst schon seinen Vater Fritz Aigner tief bewegte – als Künstler, wie auch als umstrittene Persönlichkeit: „Durch Repros wurde ich auf Francis Bacon aufundefinedmerksam, der mich sehr faszinierte, von dem ich dann später in Dublin eine große Ausstellung sah, den ich in London persönlich kennen lernen sollte (...) Bacon fällt mir bei den Gedanken zum Seiltänundefinedzer ein, die Einsamkeit, die unheimliche Verlorenheit des einzelnen Menschen im Fleischlichen in der baundefinednalen Realität. Mit ein paar Pinselfluscher kann er im Porträt ‚des Menschen‘ alle Menschen wie mit einer Urformel zeigen. Damals, als ich in London lebte und längst kosmopolitisch dachte, grübelte ich viel darüber nach, wo er die total abgründige, fast unmenschlich menschliche Kraft hernimmt. Undeutlich empfand ich, beziehungsweise glaubte ich es zu verstehen, da ich selber intensiv durch einen homosexuellen (nicht abwertend!) Kunstundefinedhändler in dessen Kreise einbezogen war und auch des Kunsthändlers tragisches Leben und seinen Tod erlebte – bei F. Bacon die schreckliche Verundefinedlassenheit, die Lüge, haarscharf am Leben vorbei.“ Das Fratzenhafte und zugleich Demaskierende ist bei Lukas Johannes Aigner zweifellos ohne Baundefinedcons Vorbild undenkbar, wobei Aigner diese Porundefinedträtauffassung behutsam ins Massenphänomen zu übersetzen verstand. Die Masse der Zuhörer dieser großen Versammlung definiert sich jedoch weniger über äußere Handlungen, die sich auf die Ausrichtung auf einen außerhalb des Bildes geleundefinedgenen Betrachterpunktes beschränken. Vielmehr werden hier die inneren Handlungsmuster dieser gespenstischen Runde „tatenloser Täter“ ausgeloundefinedtet, wie dies etwa Werner Tübke in seinen Themen handhabte. Die bis zur Unüberschaubarkeit ausgeundefinedweitete Menschenansammlung korrespondiert bei Lukas Johannes Aigner mit der Unwägbarkeit der Gefühlswelten, die er hier an den unterschiedlichsundefinedten Charakteren aufzufächern weiß.