Phantastisches-Erträumtes

Lukas Johannes Aigner, "Der Traum verhüllt durch Wirklichkeit", Triptychon, Acryl auf  Tafel, 420x200 cm, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Der Traum verhüllt durch Wirklichkeit", Triptychon, Acryl auf Tafel, 420x200 cm, 2008

 

Gleichsam als Gegenprogramm zur Vielfigurigkeit hat sich Lukas Johannes Aigner in vielen seiner großformatigen Kompositionen mit den eigenen Befindlichkeiten und Facetten seiner Persönlich­keit beschäftigt. Archaische Seinsvorstellungen sowie persönliche Reflexionen bilden dabei moti­vische Anknüpfungspunkte – wie etwa Schlaf und Träume, diese Zwillinge der Nacht und untrennbar miteinander verwobenen menschlichen Erfahrun­gen, die unserem steuernden Einfluss entzogen sind.

 

 

Mit diesen setzt sich der Künstler in seinem als monumentales Triptychon konzipierten Gemäl­de „Der Traum verhüllt durch Wirklichkeit“ (200 x 420 cm) auseinander. Darin hütet Aigner gleichsam seine Traumwelt als kostbare imaginäre Bildwelt, in der sich der Akt des Sehens als nicht steuerbar darstellt. Von Novalis stammt noch die pejorative Einschätzung des Traums: „Schlafen ist Verdauen der Sinneseindrücke. Träume sind Exkremente.“ Davon ist hier kaum noch etwas zu spüren.

Lukas Johannes Aigner, "Der Traum verhüllt durch Wirklichkeit", Triptychon, Acryl auf  Tafel, 420x200 cm, 2008, Detail
Lukas Johannes Aigner, "Der Traum verhüllt durch Wirklichkeit", Triptychon, Acryl auf Tafel, 420x200 cm, 2008, Detail

„Wer schlafen kann, darf glücklich sein“, sagte einmal Erich Kästner. Und jedes Auf­wachen bedeutet das jähe Ende eines Traums – ob nun als Erlösung nach einem Albtraum oder Ent­täuschung, wenn damit ein Wunschtraum wie eine Seifenblase platzt. Die Stoffmassen, die hier den schlafenden Künstler bedecken, erhob Aigner in der Folge zu eigenständigen Sujets und formte daraus monumentale Licht-Schattenstudien, wie sie sich allenthalben auch bei den Titanen der Kunstge­schichte, wie etwa Leonardo da Vinci als zumeist kleinformatige Faltenstudien, finden – dort zumeist als Vorbereitung für das feierliche wie effektvolle Bekleiden und Verhüllen von Göttern und Heiligen.

 

Manchmal taucht darin wie eine Randglosse der Künstler selbst auf – ob als schemenhafte Erschei­nung oder inmitten seiner künstlerischen Arbeit. Bühnenhaften Räumen begegnen wir dann auch in jenen Gemälden, die sich auf den ersten Blick als Momentaufnahmen des künstlerischen Alltags darstellen und zumeist als Nachtstücke mit ak­zentuierter Hell-Dunkel-Kultur entwickelt werden. Der Einfluss seines Lehrers Herzig, der mit seinem Bühnenbild für Elias Canettis „Komödie der Eitel­keit“ im Rahmen des Steirischen Herbstes 1972 Bühnengeschichte schrieb, wird damit ablesbar.

Lukas Johannes Aigner, "Mein Malerfetzen", Acryl/Öl auf Leinwand, kaschiert auf MDF, 157x245cm, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Mein Malerfetzen", Acryl/Öl auf Leinwand, kaschiert auf MDF, 157x245cm, 2008

Viel­mehr gilt für Aigner die Welt der Kunst als eine Welt des Traumes bzw. Phantasie als der Traum eines wachen Geistes, wie dies etwa Elfriede Hab­lé zutreffend formuliert.

Aigners Gemälde zeigt den Künstler auf seiner kargen Liegestatt, die er zen­tral auf dem bühnenhaft weit zur Horizontlinie an­gehobenen Dielenboden platziert.

Die Schlafstelle besteht nur aus einigen Laken über einer direkt am Boden aufliegenden Matratze. Der Künstler selbst liegt in perspektivischer Verkürzung auf diesem
Lager, wobei sich die Körperhaltung des Schlafen­den nur schemenhaft unter den lastenden Tüchern abzeichnet. Der rechte Unterarm des Schlum­mernden ist über die Augenpartie gelegt, als gälte es, sich vor dem von rechts schräg einfallenden Licht zu schützen oder das Geheimnis eines Trau­mes oder des darin offenbarten, flüchtigen Glücks zu bewahren.

Lukas Johannes Aigner, "Form und Inhalt"Acryl auf MDF, 95x88cm, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Form und Inhalt"Acryl auf MDF, 95x88cm, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Wirkung und Ursache" Acryl auf MdF, 100x120cm, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Wirkung und Ursache" Acryl auf MdF, 100x120cm, 2008

In den Bildern „In Gedanken woanders“, „Späte Er­kenntnis“ oder „Wirkung und Ursache“ spielt Aig­ner nicht nur mit perspektivischen Überlegungen, sondern auch mit dem Wechsel warmer und kalter Farbigkeit. Das Momenthafte bzw. Zufällige der Posen, in denen wir den Maler bei seiner Arbeit oder beim Verstauen der Großformate zu beobach­ten glauben, kontrastiert mit dem kalten statischen Ambiente.

Lukas Johannes Aigner, "Späte Erkenntnis", Acryl auf MDF, 200x160, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Späte Erkenntnis", Acryl auf MDF, 200x160, 2008

Bezüglich seiner eigentlichen Tätigkei­ten lässt er uns im Ungewissen, weil er diese Mo­tive so anschneidet, dass der Kern der Handlung stets verdeckt bleibt und der Betrachter das Bild gleichsam für sich selbst zu Ende erzählen muss. Zu dieser Methode der Verunklärung tragen auch einige zusätzliche Motive bei, die sich erst in einer revidierenden Lesart entschlüsseln – so zeichnet sich im Gemälde „Wirkung und Ursache“ das Be­ziehungsfeld zwischen Maler und Modell wohl erst auf den zweiten Blick ab.

Szenen am Rande des Abgrunds

Lukas Johannes Aigner, "Postpupertärer, berufsjugentlicher Komasäufer, werdender Spiegeltrinker", Acryl/Öl auf Tafel, 190x140cm, 2007
Lukas Johannes Aigner, "Postpupertärer, berufsjugentlicher Komasäufer, werdender Spiegeltrinker", Acryl/Öl auf Tafel, 190x140cm, 2007


In der sehr persönlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholmissbrauch, mit dem er schon als Kind durch den davon betroffenen Vater in­nerhalb der Familie konfrontiert wurde, verlieh er dem großformatigen Bildnis eines „Postpubertä­ren, berufsjugendlichen Komasäufers“ seine eige­nen Züge. Mit der Bierflasche noch in der rechten Hand und die Beine lässig überkreuzt, liegt er am Boden. Ist er gestrauchelt, zu Boden gefallen oder nur lallend von seiner Schlafstelle gerutscht?

Aig­ner entzieht sein Antlitz unserer forschen Kontrol­le, indem er sich kopfüber ins Bild rückt und damit die Lesart des Porträts erschwert. Auch hier er­weist sich Aigner als subtiler Beobachter und Ver­fremder: Folgt man etwa den perspektivisch steil zur obere Bildkante führenden Dielenfugen von rechts nach links, so ändern sie ihren geraden Ver­lauf und umspielen kurvenförmig den am Boden liegenden Trinker. 

Lukas Johannes Aigner, "Ohne Titel", Acryl auf Papier, 62x88 cm, 2002/7
Lukas Johannes Aigner, "Ohne Titel", Acryl auf Papier, 62x88 cm, 2002/7

Damit wird die Gratwanderung zwischen dem Entrückt-Seins und Verrückt-Seins, wie sie zumeist das Agieren von Alkoholsüchtigen unter zunehmendem Alkoholeinfluss charakteri­siert, augenscheinlich. Aus der geraden Bahn wird eine schiefe... In dieses Gefühl des offensichtli­chen Kontrollverlusts, das er auch im weiblichen Pendant der Postpubertären, berufsjugendlichen Komatrinkerin thematisiert, mischt er freilich auch jenes enthemmte Abgehobensein, das schnelles – wenn auch kurzes – Vergessen einer Misere zu garantieren scheint. Oder wie es Helmut Qualtin­ger einmal formulierte: „Wer sich verheizt fühlt, ist meistens auch versucht, mit Alkohol zu löschen.“ Darin schwingt zugleich jener sozialkritische As­pekt mit, wie er ab dem ausgehenden 19. Jahr­hundert in den Darstellungen von Trinkgelagen und einsamen Säufern anklingt. 

Lukas Johannes Aigner, "Postpubertäre, berufsjugentliche, Komasäuferin, werdende Spiegeltrinkerin", Acryl auf MDF, 190x200 cm, 2007
Lukas Johannes Aigner, "Postpubertäre, berufsjugentliche, Komasäuferin, werdende Spiegeltrinkerin", Acryl auf MDF, 190x200 cm, 2007

Vor allem in der Malerei bildet die Darstellung Trinkender ein stets wieder­kehrendes Thema, das exemplarisch in Gemälden von Manet, Degas und van Gogh abgehandelt und mit Picassos Absinthtrinkerin auch zu Beginn des 20. Jahrhundert prominent dokumentiert wurde, die in eben jenes kaltes Blau getaucht ist, wie es Aigner für seine Komasäufer als adäquates Kolorit empfand. Immer wieder gab es aber in der bilden­den Kunst unterschiedliche Bestrebungen, durch Rauschzustände die Kreativität zu steigern oder in Bildwelten vorzudringen, die im Unbewussten verschlossen scheinen. Aus diesem Grund greifen bis heute zahlreiche Künstler auf den Alkohol ob seiner anregenden Wirkung zurück. Oder werden Alkoholexzesse als zur Schau getragene Distanz­haltungen zu bürgerlichen Konventionen instru­mentiert.

Lukas Johannes Aigner, ehemaliges Atelier in der Honauerstraße, Linz 2007
Lukas Johannes Aigner, ehemaliges Atelier in der Honauerstraße, Linz 2007