Vom Spiegel belogen, vom Licht betrogen:

Selbstdarstellungen, Anekdotisches und Allegorisches

Lukas Johannes Aigner, 2013
Lukas Johannes Aigner, 2013

Die markante Abschattierung der Gesichter über­nimmt Lukas Johannes auch in seinen Porträts, die eine monumentalisierende Tendenz aufweisen und vom magischen Realismus wie auch von der Neu­en Sachlichkeit essentielle Anregungen zu bezie­hen scheinen.

Sein ästhetisches Wollen artikuliert sich in den ins Plakative übersteigerten Eigenhei­ten der Physiognomik – so gerät das Stirnrunzeln in seinem Selbstporträt zu einer maskenhaften Erstarrung, wie wir sie zum Beispiel aus einigen klassizierenden Porträts eines Giorgio de Chirico bereits kennen.

In der Makellosigkeit vor allem der Frauenporträts spiegelt sich zudem die Werbeäs­thetik unserer Zeit wider, wobei hier Aigner durch einen der Feinmalerei angenäherten Pinselduktus besticht, zu dem er im Hintergrund mittels vergrö­berndem Farbauftrag gleichsam einen formalen Kontrapunkt setzt.

 

Lukas Johannes Aigner, "Wird schon wieder gut", Acryl/Öl auf Leinwand, 130x120, 2005
Lukas Johannes Aigner, "Wird schon wieder gut", Acryl/Öl auf Leinwand, 130x120, 2005
Lukas Johannes Aigner, "Wie Bilder entstehen"Acryl/Öl auf Leinen, 130x120cm, 2005
Lukas Johannes Aigner, "Wie Bilder entstehen"Acryl/Öl auf Leinen, 130x120cm, 2005

In einer Reihe von Ateliersze­nen wie etwa dem Triptychon „Subventionsjäger sei auf der Hut“, „Vom Spiegel belogen, vom Licht betrogen“, „Wird schon wieder gut“ oder „Wie Bil­der entstehen“ kreisen Aigners Gedanken anekdo­tenhaft um Fragen der Bildfindung, der Selbstre­flexion sowie um die Auseinandersetzung mit der Realismus-Naturalismusdebatte, der sich Aigner als deklarierter gegenständlicher Maler stellt. Man­che Details ironisieren zudem den Topos des lei­denden wie auch narzisstischen Künstlers, wenn etwa aus einem Gemälde aus einer Wolkenaure­ole eine übermächtige Hand (Gottes?) scheinbar aus dem Bild ragt, um den in seiner Verzweiflung versunkenen Maler zu trösten: „Wird schon wieder gut“.

Lukas Johannes Aigner, "Vom Spiegel belogen-vom Licht betrogen", Acryl auf Tafel, 110x82, 2008
Lukas Johannes Aigner, "Vom Spiegel belogen-vom Licht betrogen", Acryl auf Tafel, 110x82, 2008

 So wie hier gleichsam das Bild im Bild die Raumgrenzen zu sprengen scheint, so verdichtet Lukas Johannes Aigner in „Vom Spiegel belogen, vom Licht betrogen“ das Thema zu einer beklem­menden Stimmungs- und Interieurstudie: Das Spiegelbild des Künstlers erscheint nicht nur im flackernden Licht, sondern scheint sich vom Urbild verselbständigt zu haben und mit diesem Zwie­sprache zu halten. Der Raum ist in einen kühnen Farbakkord getaucht, wobei ein in verschiedenen Valeurs aufgehelltes Weinrot in einem pastellhaften Grün-Türkis-Ton aufzugehen scheint. Diese Arbeit zählt zu den besonders poetischen Bildideen, die sich erst in den Köpfen der Betrachter fertig zu er­zählen scheinen und in den Bildern eines Edward Hopper ihre vorbildhafte Entsprechung finden.

Lukas Johannes Aigner, "Ohne Titel", Acryl/Öl auf MDF,
Lukas Johannes Aigner, "Ohne Titel", Acryl/Öl auf MDF,
Lukas Johannes Aigner"The Stagediver Nr.III", Acryl auf Tafel, Triptychon, 420x 200, 2008
Lukas Johannes Aigner"The Stagediver Nr.III", Acryl auf Tafel, Triptychon, 420x 200, 2008

Neben diesen introvertierten und mit vielschichti­gen Bedeutungsinhalten aufgeladenen Gemälden greift der junge Künstler aber auch Sujets auf, die der aktuellen Jugendszene und Eventkultur ent­stammen. So hat er das Thema des Stagedivers in mehreren koloristischen Varianten wie auch Formaten abgehandelt und dabei einmal mehr auf die Form des Triptychon zurückgegriffen: Das He­runterspringen von der Konzertbühne ins johlende Publikum, wie es seit den Konzerten Iggy Pops oder Peter Gabriels erstmals überliefert ist, inter­pretiert Lukas Johannes Aigner als eine fulminante Parabel über Enthemmung, Ausgeliefert- und Auf­genommensein, über Stabilität und Labilität. 

Lukas Johannes Aigner, 2The Stagediver", Tuschpinselzeichnung, 70x100cm, 2003
Lukas Johannes Aigner, 2The Stagediver", Tuschpinselzeichnung, 70x100cm, 2003

 Vor allem im koloristisch reduzierten Triptychon ver­mag Aigner die Vielfigurigkeit in ein Furioso aus bewegten Menschenknäuel zu verwandeln: Ein Gewimmel von ausgestreckten Händen, in die sich unentwegt neue Stagediver fallenlassen, verun­klärt die kompositorische Strategie, die nur noch an den herabfallenden schweren blauen Bühnen­vorhängen an den beiden Seiten erkennbar wird.

Lukas Johannes Aigner, "The Stagediver" Radierung, 2003
Lukas Johannes Aigner, "The Stagediver" Radierung, 2003
Lukas Johannes Aigner, "The Stagediver", Tuschpinselzeichnung, 70x100cm, 2003
Lukas Johannes Aigner, "The Stagediver", Tuschpinselzeichnung, 70x100cm, 2003

Damit spitzt Aigner das Tumulthafte noch zu, das diesen Aktionen auch in der Konzertrealität anhaf­tet und das Musikerlebnis zum sinnlich-körperli­chen Event ausweitet. In diesem Bewegungsstrom aus ringenden Händen, vergeblichem Ausweichen, Sich-Wieder-Aufrappeln und Hinunterspringen werden gleichsam bildliche Erfahrungen aus der über 12 Weltgerichtsdarstellungen sowie den barocken As­sumptio Mariae- und Ascensio-Domini-Episoden – augenzwinkernd profaniert.

Lukas Johannes Aigner, Aus dem Zyklus:"Von Rom nach Paliano und wieder zurück", Tuschpinselzeichnung, 85x65cm, 2006
Lukas Johannes Aigner, Aus dem Zyklus:"Von Rom nach Paliano und wieder zurück", Tuschpinselzeichnung, 85x65cm, 2006

Wie aufgeschlossen er dieser Bildwelt der alten Meister gegenübersteht, mögen seine barocken Reminiszenzen „Von Rom nach Paliano und wieder zurück“ belegen, in de­nen er der barocken Seite der ewigen Stadt eine Reihe von Motiven ablauschte und sie als faszinie­rende tenebrose Studien mittels Tusche, Acryl und Öl zu Papier brachte (alle 2006).

 In der Thematisierung dionysischer und traumhaf­ter Zustände, in der symbolhaften Überhöhung des Ichs wie auch im Spiel mit dem Dinglichen, der Auseinandersetzung mit dem Stilllebenhaften, wirkt die
Lukas Johannes Aigner, Aus dem Zyklus:"Von Rom nach Paliano und wieder zurück", Tusche/Acryl auf Papier, 2006

               "Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen läßt."

                                                                            Pablo Picasso